# Alle Welt redet über KI. Was hält unser Tech-Lead davon?

(Viel.)

Riccardo Lardi leitet die Entwicklung bei Fundament. Neben zwei menschlichen Mitarbeitern hat er sechs Agents im Terminal, die für ihn Aufgaben verrichten, die er vor einem Jahr noch selbst ausgeführt hat (und dafür ungefähr dreimal so lang brauchte). Die KI hat schon alle möglichen Gefühle bei ihm ausgelöst, momentan ist er bei beschwingtem Pragmatismus angelangt.

**Naomi:** Du programmierst seit deiner Kindheit. Wie hat alles begonnen?

**Riccardo:** Mit einem Buch meines Vaters (”Illustrating BASIC”, Donald Alcock, 1977), das ich mir «ausgeliehen» hab - ein niederschwelliges Grundlagenwerk. Ich mag mich erinnern, dass es Bugs im Code als kleine Käfer darstellte, die über die Seiten krabbelten. Das fand ich cool, das hat mich abgeholt.

**Naomi:** Und dann hast du angefangen, zuhause am Computer zu programmieren?

**Riccardo:** Genau, das war am Homecomputer, die Sprache hiess **BASIC** - eine relativ simple Programmiersprache aus den 70er Jahren. Imperativ, von oben nach unten, sehr einfach nachvollziehbar. Ich konnte damit zum Beispiel Textgames bauen: «Du stehst vor einer Tür. Links ein Knopf, rechts ein Knopf. Welchen drückst du?» - und dann gibst du «links» ein. Das fühlte sich an wie eine Superkraft: plötzlich konnte ich einen Computer «steuern» und kleine Spiele bauen, die nachher von Freunden ausprobiert und gespielt werden konnten.

**Naomi:** Was hat dich daran so fasziniert?

Die Möglichkeit, eigene Ideen in funktionierende Systeme zu verwandeln. Für mich ist Programmieren wie Lego bauen oder Architektur im Kleinen. Du bringst viele Einzelteile so zusammen, dass am Ende etwas funktioniert. Im Grunde genommen ist es ein Handwerk - nur eben digital.

**Naomi:** Hat sich dein Gefühl verändert, seit die KI Einzug gehalten hat?

**Riccardo:** Ja klar. Ich bin stolz darauf, dieses Handwerk erlernt und über mehr als mein halbes Leben hinweg vertieft zu haben. Weil ich es mir jahrelang erarbeitet habe, habe ich auch einen emotionalen Bezug dazu entwickelt. Dass viele Komponenten dieser Arbeit heute sehr schnell von einem Computer ausgeführt werden können hat meine Sicht auf diese Arbeit schon sehr verändert.

**Naomi:** Inwiefern?

Es zeigt einem, welche Teile der Arbeit wirklich wertbringend und welche eher Fleissarbeit waren. Das hat was Demütigendes, ist aber auch ultra interessant und inspirierend.

**Naomi:** Wann wurde dir klar, dass sich deine Arbeit verändern würde?

**Riccardo:** Den Anfang machte wohl der Programmierassistent **Github** **Copilot** vor rund zwei Jahren. Da tippst du etwas ein, und es schlägt vor, wie es weitergehen könnte, ähnlich wie das heutzutage in Textprogrammen wie zB. MS Word der Fall ist. Du kannst es annehmen oder ablehnen. Das war für mich schon mindblowing - manchmal hat es sehr gut erkannt, was ich wollte und mich sogar auf neue Ideen gebracht. Dann gab es irgendwann die Möglichkeit, Workflows komplett von Agents ausführen zu lassen - also von Tools, die nicht nur Text vorschlagen, sondern eigenständig komplexere Aufgaben ausführen können.

**Naomi:** Wie arbeitest du mit diesen Agents?

**Riccardo:** Ich lasse mir zuerst immer einen Plan erstellen. Das ist mittlerweile fast mein Standard: Ich erkläre das Ziel, der Agent schaut sich das Projekt an, macht sich ein Bild von der Codebase, schreibt dann einen Plan - «Current state», «Target state», worauf man achten muss.

**Naomi:** Was ist wichtig, damit der Plan wirklich passt?

**Riccardo:** Spezifität. Du musst so kommunizieren, dass der Agent die richtige mentale Karte des Projekts baut. Es ist ähnlich wie bei einem neuen Teammitglied: Je mehr und besser du Kontext gibst, desto weniger gibt es Missverständnisse.

**Naomi:** Und wenn der Agent etwas falsch versteht?

**Riccardo:** Das passiert häufig. Es gibt zwei Möglichkeiten: Er verstehts so falsch, dass es dich inspiriert - wo du denkst stimmt, so könnte man es auch machen. Oder aber er halluziniert, übersieht etwas Wichtiges oder schlägt einen falschen Weg ein und dann musst du eingreifen. Deshalb ist das Verifizieren so wichtig: Der Code bleibt Code. Es braucht immer jemand, der davon eine Ahnung hat, um zu überprüfen, was der Agent genau angestellt hat.

**Naomi:** Ausser man verschreibt sich dem «Vibe Coding».

**Riccardo:** Für mich basiert Vibe Coding auf dem Grundatz, dass man nicht verstehen muss, was man macht. Man kommuniziert eindimensional und möglichst banal: Mach mir eine App, die X erfüllt. Deshalb auch der Name: Es geht mehr um den Vibe als um die konkreten Schrauben und Pins. Das Problem ist: Wenn du nicht präzise wirst, kommst du schnell an Grenzen. Softwareentwicklung braucht Persistenz und Ausdauer und Genauigkeit. Du musst immer noch verstehen, was gebaut wurde. Die Verantwortung verschwindet nicht einfach, nur weil ein Agent einen Teil der Arbeit übernimmt.

**Naomi:** In zwanzig Jahren wird es keine Coder:innen mehr geben, die ihr Handwerk ohne den Einsatz von KI gelernt haben. Können die dann überhaupt noch verifizieren?

**Riccardo:** Ich denke schon. Aber die Art, wie man dieses Verständnis aufbaut, wird sich wahrscheinlich verändern. Früher hat man vieles selbst implementiert, heute lernt man vielleicht stärker durch Lesen, Analysieren und Verifizieren. Die grundlegenden Konzepte verschwinden nicht - nur die Werkzeuge ändern sich. Aber wer weiss!

**Naomi:** Wo ist die KI für dich besonders praktisch?

**Riccardo:** Sagen wir, eine neue Version einer Library kommt raus, also eine Sammlung von vorgefertigtem Programmcode, Funktionen und Klassen. Du musst deinen Code auf die neue Version anpassen. Das ist nicht schwierig, nicht spannend - nur mühsam. Die KI kann dir diese lästige Aufgabe abnehmen. Mir gibt sowas Momentum: Du siehst wieder Fortschritt, statt nur einen Berg an mühseligen Aufgaben.

**Naomi:** Geht auch was verloren?

**Riccardo:** Man kann sich natürlich schon fragen: Kultiviert man durch die Reibung, die nervige Aufgaben auslösen, nicht auch etwas - Ausdauer, Umgang mit Frustration? Wenn diese Reibung verschwindet, geht womöglich auch etwas verloren.

**Naomi:** Ich habe einmal gelesen, dass Menschen, die bei ihrer Arbeit in einen Flow kommen, also in einen Zustand, wo sie kein Zeitgefühl mehr haben, tiefe Erfüllung und Zufriedenheit empfinden. Ich kann mir vorstellen, dass du diesen Zustand auch vom Coden kennst - verschwindet der, wenn du Aufgaben an die KI delegierst?

**Riccardo:** Sicher. Das klassische «Tunnel»-Gefühl - stundenlang in einem Problem verschwinden zu können - ist seltener geworden. Aber für mich gibt andere Momente, in denen ich diesen Fokus finde, zum Beispiel beim Recherchieren, beim Verstehen neuer Entwicklungen, beim Konzipieren von Prototypen und Planen von Projekten.

**Naomi:** KI kann autonom ganze Arbeitsschritte ausführen - aber verbraucht dabei auch einiges an Rechenleistung. Und die KI-Lösungen, die du benutzt, sind kostenpflichtig. Wie entscheidest du, wann sich der Einsatz von KI wirklich lohnt?

**Riccardo:** Genau, man bezahlt im Grunde genommen für “Intelligenz”. Diese wird von den Anbietern dosiert in “Tokens” verkauft. Angefangen hat es damit, dass wir die KI erst im zweiten Schritt, also als prüfende Instanz, zB. für Code Review einsetzten, sozusagen um zu kontrollieren und Verbesserungsvorschläge einzubringen. Mehr und mehr bewegt sich der Workflow jedoch zu “AI-first” - was soviel heisst, dass die AI aufgrund eines erarbeiteten Plans den Code erstellt. Unsere Rolle verschiebt sich dadurch stärker in Richtung Architektur, Review und Qualitätssicherung.

**Naomi:** Viele Unternehmen stellen fest, dass ihre KI-Kosten stark steigen. Was macht aus deiner Sicht den Unterschied zwischen teurem Herumprobieren und einer effizienten Nutzung von KI?

**Riccardo:** Die Cloud-KI-Anbieter haben uns sozusagen mit günstigen Preisen angefixt und nun ziehen sie die Preis-Schraube an. Während man bis zu einem gewissen Grad auch mit lokalen (auf dem eigenen Rechner laufenden) LLMs einfachere Arbeiten verrichten kann, sind “Frontier”-Models wie Opus oder Sonnet (beide von Anthropic) durch die immense Rechenleistung auf deren Infrastruktur um ein vielfaches intelligenter und zuverlässiger. Intelligenz um komplexere Aufgaben zu lösen (agentic coding) lässt sich nach wie vor leider nur gegen Bares beziehen. Durch präzise und exakt spezifizierte Prompts lassen sich aber ausufernde Iterationen vermeiden (sprich “Vibe-Coding”) und somit Tokens einsparen. Ausserdem gibt es immer noch vieles das man noch von Hand machen kann bzw. wo der Mehrwert durch KI sich nicht rechnet.

**Naomi:** Fundament ermöglicht Kund:innen die Miteinbeziehung von KI in ihre Gesuchsprozesse. Wie kommt das an?

**Riccardo:** Viele Institutionen bewegen sich zwischen Interesse und Vorsicht. Manche sind neugierig und möchten herausfinden, wo KI ihre Abläufe individuell unterstützen kann. Andere sind verständlicherweise vorsichtig, insbesondere wenn es um Datenschutz, Transparenz oder Ethik geht. Wir führen mit unseren Kund:innen einen offenen Diskurs darüber wo und wie KI sie in ihren Prozessen unterstützen könnte und entwickeln in Zusammenarbeit darauf basierend KI-Features on the go und testen diese mit ihnen.

**Naomi:** Wo kann die KI für Institutionen hilfreich sein?

**Riccardo:** Viele Institutionen stehen vor der Herausforderung, mit begrenzten Ressourcen immer mehr Informationen verarbeiten zu müssen. Gleichzeitig beobachten wir, dass KI-Tools wie ChatGPT die Qualität von Gesuchen zunehmend nivellieren, wodurch eine differenzierte Beurteilung anspruchsvoller wird. KI kann dabei helfen Trends aufzuzeigen, Gesuche verständlicher aufzubereiten, relevante Informationen schneller zugänglich zu machen oder administrative Abläufe zu vereinfachen. Das ersetzt keine professionelle Beurteilung, kann aber viel Routinearbeit abnehmen. Dadurch bleibt mehr Zeit für die eigentlichen Entscheidungen und für den Kontakt mit Menschen.

**Naomi:** Die KI wirft auch moralische Fragen auf. Du hast neulich erzählt, dass dich jemand mit dem Begriff «Technofaschismus» konfrontiert hat.

**Riccardo:** Ja - einer meiner engsten Freunde, er ist Geschichtslehrer an einem Gymnasium, fand meine Begeisterung schwierig und sprach mich auf die Problematik monopolisierter Macht durch die grossen Players wie Sam Altman oder Elon Musk an. Ich mochte den Begriff erst nicht, fand ihn dann aber tatsächlich treffend. Es zeigt, wie politisch und gesellschaftlich aufgeladen das Thema inzwischen ist - und dass man sich nicht komplett rausziehen kann, wenn man mit der KI arbeitet.

**Naomi:** Wie gehst du mit dieser Verantwortung um?

**Riccardo:** Auf persönlicher Ebene versuche ich, die Chancen und Risiken gleichermassen im Blick zu behalten. Mich treibt Neugier an, aber mir liegt viel daran die gesellschaftlichen Folgen dieser Technologie nicht auszublenden. Auf Business-Ebene ist es so dass wir Position beziehen möchten, klare Regeln einhalten, besonders in Bezug auf Daten von Kund:innen.

**Naomi:** Wenn du auf die letzten zwei Jahre schaust: Was ist für dich der grösste Shift?

**Riccardo:** Wir hatten es ja bereits davon, wie sich das Handwerkliche verschiebt. Der wahre Shift liegt aber vielleicht eher in der Wertschätzung. Der Wert meiner Arbeit liegt heute stärker im Verstehen von Problemen, im Entwerfen von Lösungen, in Entscheidungen und in der Verifikation - weniger im reinen Tippen von Code. Aber ich will und kann immer noch Dinge bauen, die funktionieren und Probleme lösen. In dieser Hinsicht hat sich überraschenderweise gar nicht so viel verändert.
